TIROLER GEGENWARTSLITERATUR 943
Dolores. Die Geschichte meiner Schwester
Manchmal sind Texte eingespannt in entgegen
gesetzte Zugkräfte. Eine
kühle, dokumentarische Stimme kommentiert ein Drogenschicksal bis
zum logisch letalen Ende, eine zärtlich besorgte Erzählhand hingegen
unterbricht diesen Ablauf und stellt immer wieder die fassungslose Frage,
warum das alles so kommen musste. Dazwischen liegt der Text, der Autorin
und Leser beinahe zerreißt.
Christine Losso hat für den tödlichen „Abenteuerroman“ über
ihre Schwester Dolores jene literarisch dokumentarische Mischform gewählt,
die einerseits das einmalige Schicksal ihrer Schwester und andererseits
die allgemeine Moral aus der Geschichte für die Leserschaft daraus
zur Verschmelzung bringt. So entsteht ein biographischer Roman, der in
jedem Fall betroffen Hinterbliebene schafft, denn in die Geschichte vom
Außigrasen, von der individuellen Selbstfindung und dem breiig-allgemeinen
Konsens in Südtirol ist jeder involviert.
„Nun war sie 37 und am Ende.“(21) Hinter diesem Endpunkt steht ein
Leben, das gekennzeichnet ist von heftiger Sehnsucht nach Ferne, der Gier,
die Wahrheit zu fassen, und der Lust, sich selbst bis an die Enden der
Gliedmassen zu spüren. Am Ende steht ein frühes Ende.
Die Autorin beschreibt einige Stationen der gemeinsamen Kindheit,
markante erzieherische Figuren, die das Leben in die Hexenbahn
gelenkt und verhext
haben. Die Beziehung der Schwestern reißt dann ab und es kommt zu
dem schaurigen Satz, „wer bist denn du“, als die von
Drogen voll gepumpte Schwester niemanden mehr erkennt.
Dolores ist dennoch eine sympathische Heldin, man versteht von Seite
zu Seite mehr, warum sie in den unentrinnbaren Drogenstrudel geraten
ist,
man sitzt betroffen vor der Erkenntnis, dass ein heftiges Leben einen
heftigen Preis hat.
Dolores wird im fernen Thailand skizziert, in ihrer Liebe zum Sohn
Jarim, in der Enge der eigenen Kindheit und schließlich an jenem verrückt
provinziellen Nachmittag im Juni, als sie am Bozner Bahnhof elendiglich
an der Drogensucht stirbt. Selbst nach dem Tod ist ihr Leben noch
nicht ruhig gebettet, bis zuletzt zittert ihr Freund wegen eines
Aids-Tests,
aber der Befund geht gut aus, Dolores ist nicht infiziert.
Christine Losso hat mit dieser dokumentarischen Erzählbiographie ein
Stück Zeitgeschichte aus dem Untergrund geschrieben. Voller Sympathie
und Wärme berichtet sie, wie es einer Frau ergeht, für die letztlich
das Land zu klein ist, für ihre große Lebenslust.
Statt irgendwelcher Belehrungen gibt es abschließend eine
schlichte Liste mit Adressen, die bei Drogenalarm weiterhelfen.
Christine Losso: Dolores. Die Geschichte meiner Schwester. Ein Leben
zwischen Liebe, Drogen und Tod.
Brixen: Provinz Verlag 2006. 263 Seiten. EUR 15,--. ISBN 88-88118-37-3.
Christine Losso, geb. 1959 in Meran, ist Redakteurin der südtiroler
tageszeitung.
Helmuth
Schönauer, 26/09/06